Hör doch mal!
Teil 1: Was ist Schall und warum hören wir ihn überhaupt?
Angenommen, ihr singt aus Jux einmal in euren Zahnputzbecher anstatt in euer offenes Zimmer. Logisch klingt das dann ganz anders als ohne diesen „Schalltrichter“. Genauso ist euer Geträller im Badezimmer lauter als im Wohnzimmer, wo der Teppich und die Gardinen den Schall zu verschlucken scheinen. Aber warum ist das so?
Mit dieser Frage beschäftigt sich die Akustik. Es ist die Lehre vom Schall. Der Begriff leitet sich vom griechischen Wort „akustikos“ ab, das „hörbar“ bedeutet. Wenn wir einen Sylvesterknaller losgehen lassen, bezeichnet man das als Schall. Ebenso wenn wir vor lauter Hausaufgaben stöhnen, über einen Witz lachen oder Musik machen. Hauptsache, wir hören etwas. Der Schall verhält sich dabei wie eine Welle, die sich in alle Richtungen ausbreitet. Daher spricht man auch von Schallwellen. Wie man sich so eine Schallwelle genau vorstellen kann und warum wir sie überhaupt hören können, erklärt der berühmte Biologe und Schriftsteller Professor Richard Dawkins in einem seiner Bücher auf sehr anschauliche Weise:
„Anders als Licht können Schallwellen nur durch ein materielles Medium wie Luft oder Wasser wandern. Sie bewegen sich eine halbe Millionen Mal langsamer als Licht fort – nicht viel schneller als eine Boeing 747 und langsamer als eine Concorde.“
Herr Dawkins nimmt uns mit auf ein Gedankenexperiment, bei dem man eine Stimmgabel in der Mitte eines Raums anschlägt. Durch die Schwingung der Stimmgabel wird die Luft drum herum ebenfalls zum Schwingen angeregt, wie eine Folge immer größer werdender Kugeln. Ein Gerät mit einer empfindlichen Nadel kann diese „Wellen“ in der Luft messen. Die Geschwindigkeit, mit der die Nadel dabei auf- und abschwingt, ist sozusagen die Wellengeschwindigkeit des Schalls. Unsere Ohren funktionieren genauso. Herr Professor Dawkins erklärt:
„Unser Trommelfell ist eine Art kopfstehende Miniaturharfe. Ihre ‚Saiten‘ sind wie bei einer richtigen Harfe angeordnet. Die Saiten am schmalen Ende schwingen im Einklang mit hohen Tönen, jene am breiten Ende werden von tiefen Tönen in Bewegung versetzt. Die tiefsten Töne einer Orgel lassen unseren Körper erbeben und werden von den Ohren kaum wahrgenommen. Die höchsten Töne sind für Menschen nicht mehr zu hören, aber Fledermäuse nehmen sie wahr und nutzen sie in Form ihres Echos, um sich zu orientieren.
Normale Geräusche stellen jedoch meist eine komplizierte Klangmischung dar. Aber es lohnt sich, sie zu entwirren. Unser Gehirn schafft das mühelos und noch dazu erstaunlich gut: Angenommen, wir lassen eine Stimmgabel klingen. Dann hören wir einen reinen Ton, z.B. das eingestrichene A. Was ist der Unterschied zwischen diesem Klang und einer Violine, Trompete oder Oboe, die das gleiche A spielen? Die Antwort: Jedes Instrument fügt eine Mischung aus weiteren Schwingungen hinzu, die man Obertöne nennt. Ein einzelner Ton einer Trompete besteht in Wirklichkeit aus zahlreichen Obertönen, und ihre Mischverhältnisse sind eine Art Kennzeichen, das die Trompete beispielsweise von einer Violine unterscheidet. Wer ein Instrument hört, nimmt eine komplizierte Berechnung vor: Zunächst entwirrt das Ohr die beteiligten Schwingungen, dann fügt das Gehirn sie wieder zusammen und verleiht ihnen das zugehörige Etikett ‚Trompete‘, ‚Oboe‘, oder was es sonst sein mag.
Aber unsere unbewusste Fähigkeit, zu entwirren und zu verweben, ist damit noch nicht erschöpft. Denken wir nur einmal daran, was sich abspielt, wenn wir einem ganzen Orchester zuhören. Stellen wir uns vor, überlagert von hundert Instrumenten würde unser Sitznachbar im Konzert uns gelehrte Musikkritik ins Ohr flüstern, während andere Zuhörer husten und leider hinter uns auch noch jemand mit seinem Schokoladenpapier raschelt. Alle diese Geräusche regen unser Trommelfell gleichzeitig zum Schwingen an und summieren sich zu einer einzigen, kompliziert zerklüfteten Welle. Und Wunder über Wunder: Dem Gehirn gelingt es, Rascheln von Flüstern zu trennen, Husten von Türknallen, das eine Instrument des Orchesters vom anderen. Es ist eine unglaubliche Leistung des Entwirrens und Zusammenfügens und doch vollzieht sie jeder von uns mühelos und ohne nachzudenken.“
Klingt ganz simpel, oder? Wir müssen also nur dafür sorgen, dass die Geräusche unsere Ohren erreichen – den Rest geschieht automatisch. Bei einem Konzert ist es natürlich nicht das Schokoladenpapierrascheln, sondern die Musik, die wir selbst in der letzten Reihe noch gut hören wollen. Die Wissenschaft der Akustik hilft uns schon seit Jahrhunderten, dass dies auch in riesigen Kathedralen klappt. Schon im antiken Griechenland vermutete man die Ausbreitung des Schalls als Kugelwelle. Aus diesem Grunde baute man die gewaltigen Amphitheater mit Sitzreihen, die in Halbkreisen auf die Bühne unten gerichtet waren. Die Schauspieler oder Sänger konnte man durch diese raffinierte Bauweise überall gut verstehen, ohne dass sie schreien mussten. Viele große Wissenschaftler knobelten seitdem an diesem Thema, darunter Leonardo da Vinci, Galileo Galilei und Isaac Newton.
Wie genau das Wissen vom Schall nun für den Bau von Kirchen, Konzertsälen und anderen Räumen genutzt werden kann, könnt ihr im 2. Teil lesen.
Teil 2: Besseres Hören in Kirchen, Konzertsälen und anderen Räumen – Wie das Wissen vom Schall genutzt wird
Nichts ist schlimmer als ein Lehrer, den man in der letzten Reihe nicht versteht. Was, wenn er gerade etwas Wichtiges gesagt hat? Zum Beispiel, dass die Klassenarbeit morgen ausfällt. Genauso möchte man auch auf der hintersten Bank der Solostellen bei Mozarts Violinkonzert problemlos lauschen können. Deshalb beschäftigt sich ein Teilgebiet der Akustik speziell nur mit dem Schall und seine Auswirkungen in Räumen. In dieser „Raumakustik“ forscht man vor allem für ein „besseres Hören“ in Konzertsälen, Theatern, Versammlungssälen, Klassenzimmern, Fernseh- und Radiostudios, Kirchen und anderen Räumen, in denen ein großes Publikum etwas verstehen will.
Die Akustiker sind dabei stets auf der Spur des gefürchteten Nachhall oder kurz Hall, der den Hörgenuss verderben kann. Nachhall entsteht, wenn ein Geräusch, z. B. ein Ton einer Trompete, als Schallwelle beispielsweise auf eine Wand trifft und von ihr wie ein Tischtennisball abprallt. Wie das Licht bei einem Spiegel wird der Schall dann in eine andere Richtung gelenkt. Die vielen einzelnen Wellen, die unterschiedlich lange gebraucht haben, um zum Ohr zu gelangen, ergeben den Nachhall. Der schwingt sogar noch, wenn der eigentliche Ton bereits verklungen ist. Je nachdem, welchen Zweck der Raum erfüllen soll, ist dieser Hall am Ende erwünscht oder nicht.
Der Hall: Gewünscht oder Gefürchtet?
Man könnte annehmen, dass es das Beste wäre, wenn der Schall möglichst direkt und ungestört zum Zuhörer gelangt. Das ist das Prinzip der Amphitheater, wo die Worte deutlich und verständlich beim Zuhörer ankamen: Keine Echos, wenig Hall. Wenn es aber um Musik geht, ist dieser „trockene“ Klang“ nur im Tonstudio erwünscht. Dort schafft man einen „schalltoten“ Raum und fügt später den Raumklang per Computer hinzu. Jedoch fühlt man sich auf Dauer in so einem Raum recht unwohl, weil es so ungewohnt ist, keinen Hall zu hören. In einem guten Konzertsaal kommt auf den meisten Plätzen nur ein kleiner Teil des Schalls, der das Ohr erreicht, direkt von der Bühne. Der große Rest ist mindestens einmal von irgendwo abgeprallt. In Uni-Hörsälen, die auf Sprache ausgelegt sind, dauert der Hall Bruchteile von Sekunden. Würde er länger dauern, könnte man aus dem Wirrwarr an Schallwellen das Gesagte nicht mehr herausfiltern können.
Wenn es aber um Musik geht, muss der Hall schon etwas länger sein. In Kathedralen kann er schon einmal über zehn Sekunden liegen. Wenn die Musik dann von allen Wänden hallt, sagt man beindruckt: „Boah, was für ein Klang!“ Im Konzertsaal, der viel kleiner ist, sollte der Hall bei ungefähr zwei Sekunden liegen. Der erste Schall, der bei uns nach spätestens 80 Millisekunden ankommt, sagt uns exakt, was vorne auf der Bühne gespielt wird. Der späte Schall, der recht lange zwischen den Wänden hin und her geirrt ist, hüllt uns dann angenehm ein und verleiht dem Ganzen etwas Magisches. Werden diese beiden Anteile jedoch nicht sauber voneinander getrennt, entsteht ein seltsamer Klangmatsch. Der „passende“ Hall ist also in manchen Räumen sehr wichtig.
Auf der Suche nach dem perfekten Raum: Die Tricks der Raumakustiker
Es ist trotz allem nicht möglich, einen Raum zu schaffen, in dem man sowohl Sprache als auch Musik akustisch perfekt wahrnehmen kann. Besonders in Kirchen ist es schwer zu entscheiden, was wichtiger ist, da während eines Gottesdienstes abwechselnd gesprochen und gesungen oder Orgel gespielt wird. Gut, dass wir heute Mikrophone und Lautsprecher haben, mit denen wir die tückische Akustik austricksen können. Aber wie war das früher?
Wenn der Pfarrer von seiner Kanzel predigte, ging der Schall seiner Stimme in alle Richtungen, auch an die Decke und nach hinten, wo keine Menschenseel saß. Die Lösung: Man erfand den „Schalldeckel“, den man über der Kanzel anbrachte. Dieses kleine Dach lenkte die Predigerstimme direkt ins Publikum, ohne Umwege über Wände und Decke. Ziemlich clever! Es gibt noch weitere solcher Tricks zur Umlenkung oder Dämpfung des Schalls, die auch in einem Konzertsaal verwendet werden können. Soll eine Halle zur Abwechslung einmal für ein Rock-Konzert herhalten oder für einen Kongress der Anhänger des fliegenden Spaghettimonsters, dann legt man einfach Teppich aus und hängt riesige Bahnen von dämpfenden Stoffen an den Wänden auf. Ein flauschiger Schalldämpfer eben.
Weinberg oder Schuhschachtel?
Beim Bau eines akustisch optimalen Konzertsaales streiten sich die Experten, die zwei Glaubensrichtungen angehören: „Weinberg“ versus „Schuhschachtel“. Die Berliner Philharmonie ist das Vorbild des „Weinberg“-Modells. Die Zuschauer sitzen im Kreis um die Musiker herum. Die Musik steht also im wörtlichen Sinne im Mittelpunkt und man sieht sie – d. h. das Orchester – von überall sehr gut. Die Säle des Konzerthauses Berlin sind dagegen quadratisch. Die Länge dieser „Schuhschachtel“ ist dabei meist doppelt so groß wie die Breite und Höhe. Die Bühne liegt traditionell an einem Ende. Der Vorteil: Hier passen zwar weniger Leute rein, aber dafür lässt sich die ganze Schallablenkung recht einfach berechnen, fast so wie beim Billard.
Raumklang im Einsatz
Mit diesem Wissen kann man den Raumklang gezielt gestalten. Orgeln werden demnach an ganz bestimmten Stellen angebracht, im Konzertsaal über dem Orchester, in Kirchen an die Westwand oder an die hintere Wand. Und die Sänger im Chor stehen auch nicht wie Kraut und Rüben auf der Bühne durcheinander sondern sortiert nach Stimmgruppen: Sopran, Alt, Tenor, Bass. So läuft das! Genauso ist im Sinfonieorchester die Sitzordnung durch die unterschiedlichen Instrumentengruppen geregelt: Erst die Saiteninstrumente, dazwischen die Holzbläser, dahinter die Blechbläser und ganz hinten die Schlaginstrumente.
Man sieht: Akustik ist überall. Ohne die Lehre vom Schall könnten wir keine Konzerte genießen, keiner Musik über unsere Kopfhörer lauschen und uns auch nicht im Kino von einem Film in Dolby Surround mitreißen lassen.
J.S.
Angenommen, ihr singt aus Jux einmal in euren Zahnputzbecher anstatt in euer offenes Zimmer. Logisch klingt das dann ganz anders als ohne diesen „Schalltrichter“. Genauso ist euer Geträller im Badezimmer lauter als im Wohnzimmer, wo der Teppich und die Gardinen den Schall zu verschlucken scheinen. Aber warum ist das so?
Mit dieser Frage beschäftigt sich die Akustik. Es ist die Lehre vom Schall. Der Begriff leitet sich vom griechischen Wort „akustikos“ ab, das „hörbar“ bedeutet. Wenn wir einen Sylvesterknaller losgehen lassen, bezeichnet man das als Schall. Ebenso wenn wir vor lauter Hausaufgaben stöhnen, über einen Witz lachen oder Musik machen. Hauptsache, wir hören etwas. Der Schall verhält sich dabei wie eine Welle, die sich in alle Richtungen ausbreitet. Daher spricht man auch von Schallwellen. Wie man sich so eine Schallwelle genau vorstellen kann und warum wir sie überhaupt hören können, erklärt der berühmte Biologe und Schriftsteller Professor Richard Dawkins in einem seiner Bücher auf sehr anschauliche Weise:
„Anders als Licht können Schallwellen nur durch ein materielles Medium wie Luft oder Wasser wandern. Sie bewegen sich eine halbe Millionen Mal langsamer als Licht fort – nicht viel schneller als eine Boeing 747 und langsamer als eine Concorde.“
Herr Dawkins nimmt uns mit auf ein Gedankenexperiment, bei dem man eine Stimmgabel in der Mitte eines Raums anschlägt. Durch die Schwingung der Stimmgabel wird die Luft drum herum ebenfalls zum Schwingen angeregt, wie eine Folge immer größer werdender Kugeln. Ein Gerät mit einer empfindlichen Nadel kann diese „Wellen“ in der Luft messen. Die Geschwindigkeit, mit der die Nadel dabei auf- und abschwingt, ist sozusagen die Wellengeschwindigkeit des Schalls. Unsere Ohren funktionieren genauso. Herr Professor Dawkins erklärt:
„Unser Trommelfell ist eine Art kopfstehende Miniaturharfe. Ihre ‚Saiten‘ sind wie bei einer richtigen Harfe angeordnet. Die Saiten am schmalen Ende schwingen im Einklang mit hohen Tönen, jene am breiten Ende werden von tiefen Tönen in Bewegung versetzt. Die tiefsten Töne einer Orgel lassen unseren Körper erbeben und werden von den Ohren kaum wahrgenommen. Die höchsten Töne sind für Menschen nicht mehr zu hören, aber Fledermäuse nehmen sie wahr und nutzen sie in Form ihres Echos, um sich zu orientieren.
Normale Geräusche stellen jedoch meist eine komplizierte Klangmischung dar. Aber es lohnt sich, sie zu entwirren. Unser Gehirn schafft das mühelos und noch dazu erstaunlich gut: Angenommen, wir lassen eine Stimmgabel klingen. Dann hören wir einen reinen Ton, z.B. das eingestrichene A. Was ist der Unterschied zwischen diesem Klang und einer Violine, Trompete oder Oboe, die das gleiche A spielen? Die Antwort: Jedes Instrument fügt eine Mischung aus weiteren Schwingungen hinzu, die man Obertöne nennt. Ein einzelner Ton einer Trompete besteht in Wirklichkeit aus zahlreichen Obertönen, und ihre Mischverhältnisse sind eine Art Kennzeichen, das die Trompete beispielsweise von einer Violine unterscheidet. Wer ein Instrument hört, nimmt eine komplizierte Berechnung vor: Zunächst entwirrt das Ohr die beteiligten Schwingungen, dann fügt das Gehirn sie wieder zusammen und verleiht ihnen das zugehörige Etikett ‚Trompete‘, ‚Oboe‘, oder was es sonst sein mag.
Aber unsere unbewusste Fähigkeit, zu entwirren und zu verweben, ist damit noch nicht erschöpft. Denken wir nur einmal daran, was sich abspielt, wenn wir einem ganzen Orchester zuhören. Stellen wir uns vor, überlagert von hundert Instrumenten würde unser Sitznachbar im Konzert uns gelehrte Musikkritik ins Ohr flüstern, während andere Zuhörer husten und leider hinter uns auch noch jemand mit seinem Schokoladenpapier raschelt. Alle diese Geräusche regen unser Trommelfell gleichzeitig zum Schwingen an und summieren sich zu einer einzigen, kompliziert zerklüfteten Welle. Und Wunder über Wunder: Dem Gehirn gelingt es, Rascheln von Flüstern zu trennen, Husten von Türknallen, das eine Instrument des Orchesters vom anderen. Es ist eine unglaubliche Leistung des Entwirrens und Zusammenfügens und doch vollzieht sie jeder von uns mühelos und ohne nachzudenken.“
Klingt ganz simpel, oder? Wir müssen also nur dafür sorgen, dass die Geräusche unsere Ohren erreichen – den Rest geschieht automatisch. Bei einem Konzert ist es natürlich nicht das Schokoladenpapierrascheln, sondern die Musik, die wir selbst in der letzten Reihe noch gut hören wollen. Die Wissenschaft der Akustik hilft uns schon seit Jahrhunderten, dass dies auch in riesigen Kathedralen klappt. Schon im antiken Griechenland vermutete man die Ausbreitung des Schalls als Kugelwelle. Aus diesem Grunde baute man die gewaltigen Amphitheater mit Sitzreihen, die in Halbkreisen auf die Bühne unten gerichtet waren. Die Schauspieler oder Sänger konnte man durch diese raffinierte Bauweise überall gut verstehen, ohne dass sie schreien mussten. Viele große Wissenschaftler knobelten seitdem an diesem Thema, darunter Leonardo da Vinci, Galileo Galilei und Isaac Newton.
Wie genau das Wissen vom Schall nun für den Bau von Kirchen, Konzertsälen und anderen Räumen genutzt werden kann, könnt ihr im 2. Teil lesen.
Teil 2: Besseres Hören in Kirchen, Konzertsälen und anderen Räumen – Wie das Wissen vom Schall genutzt wird
Nichts ist schlimmer als ein Lehrer, den man in der letzten Reihe nicht versteht. Was, wenn er gerade etwas Wichtiges gesagt hat? Zum Beispiel, dass die Klassenarbeit morgen ausfällt. Genauso möchte man auch auf der hintersten Bank der Solostellen bei Mozarts Violinkonzert problemlos lauschen können. Deshalb beschäftigt sich ein Teilgebiet der Akustik speziell nur mit dem Schall und seine Auswirkungen in Räumen. In dieser „Raumakustik“ forscht man vor allem für ein „besseres Hören“ in Konzertsälen, Theatern, Versammlungssälen, Klassenzimmern, Fernseh- und Radiostudios, Kirchen und anderen Räumen, in denen ein großes Publikum etwas verstehen will.
Die Akustiker sind dabei stets auf der Spur des gefürchteten Nachhall oder kurz Hall, der den Hörgenuss verderben kann. Nachhall entsteht, wenn ein Geräusch, z. B. ein Ton einer Trompete, als Schallwelle beispielsweise auf eine Wand trifft und von ihr wie ein Tischtennisball abprallt. Wie das Licht bei einem Spiegel wird der Schall dann in eine andere Richtung gelenkt. Die vielen einzelnen Wellen, die unterschiedlich lange gebraucht haben, um zum Ohr zu gelangen, ergeben den Nachhall. Der schwingt sogar noch, wenn der eigentliche Ton bereits verklungen ist. Je nachdem, welchen Zweck der Raum erfüllen soll, ist dieser Hall am Ende erwünscht oder nicht.
Der Hall: Gewünscht oder Gefürchtet?
Man könnte annehmen, dass es das Beste wäre, wenn der Schall möglichst direkt und ungestört zum Zuhörer gelangt. Das ist das Prinzip der Amphitheater, wo die Worte deutlich und verständlich beim Zuhörer ankamen: Keine Echos, wenig Hall. Wenn es aber um Musik geht, ist dieser „trockene“ Klang“ nur im Tonstudio erwünscht. Dort schafft man einen „schalltoten“ Raum und fügt später den Raumklang per Computer hinzu. Jedoch fühlt man sich auf Dauer in so einem Raum recht unwohl, weil es so ungewohnt ist, keinen Hall zu hören. In einem guten Konzertsaal kommt auf den meisten Plätzen nur ein kleiner Teil des Schalls, der das Ohr erreicht, direkt von der Bühne. Der große Rest ist mindestens einmal von irgendwo abgeprallt. In Uni-Hörsälen, die auf Sprache ausgelegt sind, dauert der Hall Bruchteile von Sekunden. Würde er länger dauern, könnte man aus dem Wirrwarr an Schallwellen das Gesagte nicht mehr herausfiltern können.
Wenn es aber um Musik geht, muss der Hall schon etwas länger sein. In Kathedralen kann er schon einmal über zehn Sekunden liegen. Wenn die Musik dann von allen Wänden hallt, sagt man beindruckt: „Boah, was für ein Klang!“ Im Konzertsaal, der viel kleiner ist, sollte der Hall bei ungefähr zwei Sekunden liegen. Der erste Schall, der bei uns nach spätestens 80 Millisekunden ankommt, sagt uns exakt, was vorne auf der Bühne gespielt wird. Der späte Schall, der recht lange zwischen den Wänden hin und her geirrt ist, hüllt uns dann angenehm ein und verleiht dem Ganzen etwas Magisches. Werden diese beiden Anteile jedoch nicht sauber voneinander getrennt, entsteht ein seltsamer Klangmatsch. Der „passende“ Hall ist also in manchen Räumen sehr wichtig.
Auf der Suche nach dem perfekten Raum: Die Tricks der Raumakustiker
Es ist trotz allem nicht möglich, einen Raum zu schaffen, in dem man sowohl Sprache als auch Musik akustisch perfekt wahrnehmen kann. Besonders in Kirchen ist es schwer zu entscheiden, was wichtiger ist, da während eines Gottesdienstes abwechselnd gesprochen und gesungen oder Orgel gespielt wird. Gut, dass wir heute Mikrophone und Lautsprecher haben, mit denen wir die tückische Akustik austricksen können. Aber wie war das früher?
Wenn der Pfarrer von seiner Kanzel predigte, ging der Schall seiner Stimme in alle Richtungen, auch an die Decke und nach hinten, wo keine Menschenseel saß. Die Lösung: Man erfand den „Schalldeckel“, den man über der Kanzel anbrachte. Dieses kleine Dach lenkte die Predigerstimme direkt ins Publikum, ohne Umwege über Wände und Decke. Ziemlich clever! Es gibt noch weitere solcher Tricks zur Umlenkung oder Dämpfung des Schalls, die auch in einem Konzertsaal verwendet werden können. Soll eine Halle zur Abwechslung einmal für ein Rock-Konzert herhalten oder für einen Kongress der Anhänger des fliegenden Spaghettimonsters, dann legt man einfach Teppich aus und hängt riesige Bahnen von dämpfenden Stoffen an den Wänden auf. Ein flauschiger Schalldämpfer eben.
Weinberg oder Schuhschachtel?
Beim Bau eines akustisch optimalen Konzertsaales streiten sich die Experten, die zwei Glaubensrichtungen angehören: „Weinberg“ versus „Schuhschachtel“. Die Berliner Philharmonie ist das Vorbild des „Weinberg“-Modells. Die Zuschauer sitzen im Kreis um die Musiker herum. Die Musik steht also im wörtlichen Sinne im Mittelpunkt und man sieht sie – d. h. das Orchester – von überall sehr gut. Die Säle des Konzerthauses Berlin sind dagegen quadratisch. Die Länge dieser „Schuhschachtel“ ist dabei meist doppelt so groß wie die Breite und Höhe. Die Bühne liegt traditionell an einem Ende. Der Vorteil: Hier passen zwar weniger Leute rein, aber dafür lässt sich die ganze Schallablenkung recht einfach berechnen, fast so wie beim Billard.
Raumklang im Einsatz
Mit diesem Wissen kann man den Raumklang gezielt gestalten. Orgeln werden demnach an ganz bestimmten Stellen angebracht, im Konzertsaal über dem Orchester, in Kirchen an die Westwand oder an die hintere Wand. Und die Sänger im Chor stehen auch nicht wie Kraut und Rüben auf der Bühne durcheinander sondern sortiert nach Stimmgruppen: Sopran, Alt, Tenor, Bass. So läuft das! Genauso ist im Sinfonieorchester die Sitzordnung durch die unterschiedlichen Instrumentengruppen geregelt: Erst die Saiteninstrumente, dazwischen die Holzbläser, dahinter die Blechbläser und ganz hinten die Schlaginstrumente.
Man sieht: Akustik ist überall. Ohne die Lehre vom Schall könnten wir keine Konzerte genießen, keiner Musik über unsere Kopfhörer lauschen und uns auch nicht im Kino von einem Film in Dolby Surround mitreißen lassen.
J.S.